Geburtstagsnotizen – Birthday notes

02│11│2015

Mein erster Geburtstag fern von Zuhause, mein erster Geburtstag im Ausland, mein erster Geburtstag ohne Familie und Freunde, ohne Vorbereitungen für eine Geburtstagsparty, ohne Geschenke, ohne Schokolade, ohne Kuchen mit Kerzen – aber: ein indischer Geburtstag!
Welch größeres Geschenk könnte es für diesen Tag geben, als dass ich ihn in Indien verbringen darf!

Ganz nebenbei bin ich heute 20 geworden, ich habe es selbst kaum bemerkt.
Es war ein ganz normaler Tag im Büro: Morgens um 7 Uhr klingelt der Wecker, eine kalte Dusche vertreibt die Müdigkeit und als ich die Gardienen zurückziehe, fällt schon die Sonne ins Zimmer. Schnell noch etwas Wäsche waschen und während ich sie draußen vor der Küche zum Trocknen aufhänge, kann ich herausfinden, ob es irgendwas zum Frühstück gibt. Da gerade mal wieder ein mehrtägiger Workshop auf dem Campus stattfindet, musste ich mir wegen des Frühstücks zum Glück keine Sorgen machen. Immer wenn viele Leute hier übernachten, wird das Essen draußen in großen Töpfen über Gasflammen zubereitet und so brutzelten auch heute schon Aloo Vada in einem großen Topf heißen Öls.
Nachdem ich auch meinen heißen Chai geschlürft habe, beeile ich mich meine Schreibsachen und meinen Laptop zusammenzupacken und habe, wie jeden Morgen, ein schlechtes Gewissen, weil es schon 5 Minuten nach 9 Uhr ist. Ich laufe schnell die Stufen zum Büro hoch, um festzustellen, dass ich mal wieder zu den Ersten gehöre, die ihre Plätze beziehen und den Laptop hochfahren. Simon ist auch schon da, aber die meisten anderen Mitarbeiter kommen erst um 9:15 Uhr zum Morgengebet ins Office gehuscht. Das gemeinsam gesungene Hindi-Gebet gibt jeden Morgen einen Moment der Ruhe und Besinnung. Auch nach zwei Monaten kann ich den Text leider noch nicht ganz, also summe ich zwischendurch die Melodie mit und frage mich, wen diese Worte in einer fremden Sprache wohl erreichen.
Bevor ich mich an die Arbeit mache, öffne ich schnell meinen E-Mail-Account und freue mich sehr über die vielen Geburtstagsnachrichten!

Wie jedes Mal, wenn ein Mitarbeiter Geburtstag hat, wird irgendwann am Vormittag plötzlich von irgendwoher eine kleine Torte gezaubert und alle versammeln sich zum Anschneiden. Dabei wird das obligatorische ‚Happy Birthday‘ gesungen und hinterher bekommt jeder ein Stück des zuckersüßen Sahnecreme-Haufens. Die Geburtstagstorte wird dafür in kleine Stücke geschnitten und dann gibt das Geburtstagskind jedem ein Stückchen in den Mund und anders herum, wobei mit Leidenschaft die Hälfte der Torte ins Gesicht des anderen geschmiert wird- welch ein merkwürdiger Brauch!

Den Rest des Tages habe ich einen Bericht über einen dreitägigen Theaterworkshop an einer Schule geschrieben und ganz vergessen, dass ich Geburtstag habe.
Abends hatten wir, wie jeden Tag, Hindi-Unterricht und danach bin ich erschöpft in meinem Zimmer aufs Bett gefallen und habe begonnen, einen Blogeintrag über meinen Geburtstag zu schreiben.
Die Gefühle waren gemischt, nicht mal das kleinste bisschen Schokolade hatte es über den Tag gegeben…

Beim Abendbrot trafen wir auf die Lehrerinnen einer Privatschule, die gerade mit zwei Klassen ein Seminar auf dem Campus machten und alle hier übernachteten. Sie luden uns zu ihrem kulturellen Abendprogramm ein und so saßen wir einige Minuten später in dem großen Allzweckraum und schauten den Mädchen und Jungen zu, wie sie Bollywood-Tänze aufführten.
Um es kurz zu fassen: Wir wurden nach Kürze aufgefordert mitzutanzen und ich habe noch lange gemeinsam mit den Lehrerinnen und Schülerinnen getanzt, während Simon geduldig versucht hat, die vielen Fragen der Dritt- und Viertklässler auf Hindi zu verstehen und zu beantworten. Wie so oft, haben wir uns mit Händen und Füßen verständigt und viel gelacht! Als ich mich schließlich durchgeschwitzt, aber glücklich verabschiedete, war nur ein Gedanke in meinem Kopf: Danke, für den schönen Abend, danke für das Tanzen, danke für diese spontane, ungewollte Geburtstagsüberraschung!

 


 

02│11│2015

My first birthday away from home, my first birthday abroad, my first birthday without family and friends, without preparations for a birthday party, without presents, without chocolate and cake with candles – but: an Indian birthday!
What a great present that I can spend this day in India!

Almost without noticing it, I became 20 years old today.
It was a day like any other normal day in office:
My alarm rings at 7 o’clock, a cold shower drives the tiredness out and when I open the curtains, the sunlight already streams in my room. I quickly wash some clothes and while I hang them out to dry in front of the kitchen, I can find out if anything is prepared for breakfast. As a two-day workshop is taking place at the campus, I do not have to worry about my breakfast today. Whenever many people stay overnight, the food is prepared in big pots outside and so aloo vada are already sizzling in a huge pot of hot oil.
After I slurped my hot chai, I quickly get my writing material and my laptop and hurry up the stairs to the office. Like every morning, it is already five minutes past nine and I have a bad conscience because I’m late. But in office I am again one of the first people sitting at the desk and starting the laptop. Simon is already there, but most other staff comes only in time for the morning prayer at 9:15.
I always enjoy starting the day with this peaceful moment, when everyone is singing the Hindi-prayer together. Even after two months I don’t know the complete text, so I hum the melody and ask myself, whom these words in a foreign language may reach.
Before I start my work, I quickly open my e-mail account and get very happy reading all your nice birthday greetings!

Like every time when it is the birthday of a staff member, sometime during the morning a cake is suddenly standing on the table and everyone comes together for the cutting of it. While doing so, the obligatory ‘Happy Birthday’ is sung and then everybody gets a piece of the terribly sweet cream cake. For this, the cake is cut in small pieces and the birthday child is exchanging a piece with everyone, feeding each other and rubbing half of the cream in each other’s face – what a curious tradition!

For the rest of the day I was writing a report about a three-day theatre workshop in a school, forgetting that it was my birthday.
Like every day, we had Hindi lesson in the evening and afterwards I let myself tiredly fall on my bed and started to write a blog entry about the day. I had mixed feelings, as there was not even the smallest piece of chocolate that could have reminded me of my birthday.

We had our dinner together with the teachers of a private school, who were staying at the campus for a seminar together with two classes. They invited us to their cultural night program and so some minutes later we were sitting in one of the big multiple-purpose rooms, watching the girls and boys performing Bollywood-dances.
To make it short: After few minutes we were asked to join the dance and I danced with the teachers and students for quite a long time, while Simon patiently tried to understand and answer all the questions of the third- and fourth-graders in Hindi. As it is often the case, we communicated with hands and feet and laughed a lot! Exhausted but happy, I finally said good night and only one thought was in my mind: Thank you for the nice evening, thank you for the dancing, thank you for these spontaneous and unintentional birthday surprise!

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Ein Gedanke zu “Geburtstagsnotizen – Birthday notes

  1. Liebe Helen, ganz herzlich gratuliere ich dir zu deinem Geburtstag. Und wünsche dir ein freudvolles und
    bereicherndes Jahr in Indien. Es macht Freude deinen Blog zu studieren, den ich heute das erste Mal besuche. Deine Bilder und Texte sind sehr übersichtlich und informativ. Wir haben im Norden seit sechs Wochen sehr viel Regen. An den Wochenenden bin ich mit meinen bemalten Steinen auf dem Weihnachtsmarkt. Europa versucht den Flüchtlingen eine Heimat zu geben, etwas für das Klima zu tun und
    sich gegen Fanatiker zu schützen. Weihnachtsstimmung kommt da nicht wirklich auf. Vieles wird sich verändern. Viele Chancen sollen erkannt werden, um wirklich eine globale Gesellschaft zu werden.
    Deine Projekte sind wichtig. Sie schaffen Bewusstsein und Perspektiven auf dem Land. Ich werde meiner Tochter Oona auch deinen Blog empfehlen. Sie macht im April Abitur.
    Ich wünsche dir gute Kraft für all das Neue und Interessante und viel Erfolg in den Projekten.
    Und grüße dich herzlich aus der heimatlichen Bucht, Aristide

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